Glauben ohne zu glauben

Glauben ohne zu glauben

Pfaffenhofen

Pfaffenhofen, 06.06.2018 (ls).

In der Turnhalle ist es sehr ruhig, bis auf angestrengtes Atmen und dem Rascheln der traditionellen Kleidung herrscht konzentrierte Stille. Shi Dao An steht am Rand, wachsam beobachtet er seine Schüler beim Kung Fu-Training, wie sie sich dehnen, gegenseitig abhärten, Formen laufen. Er ist Abt des Pfaffenhofener Xiaolin-Tempels, den der ordinierte Mönch vor wenigen Jahren selbst gründete.

 

Keine Buddha-Statue, keine altehrwürdigen Tempel: Für den Mönch ist Buddhismus eine Philosophie, die auch in einer Schulturnhalle ihren Platz hat und vor allem in seinem Kopf stattfindet. So wie er und seine Schüler Shi Quing Lao und Shi Xiao Gang beim Xiaolin-Kung Fu den Körper stählen, so arbeiten sie jeden Tag auch an ihrer geistigen Haltung. Ihr „Glaube“ war eine bewusste Entscheidung mit vielen Facetten.

 

Gefühlt hat der Buddhismus schon lange seinen Platz in der Popkultur eingenommen. Buddha-Statuen in Gärten, Lifestyle-Ratgeber in den Bücherregalen, Kampffilme mit Jet Li und Co. – sofort entstehen Szenen vor dem inneren Auge. Von diesen Klischees kann Shi Quing Lao ein Lied singen. „Die Menschen haben definitiv ein Bild im Kopf“ meint der 19-Jährige. „Glücklicherweise sind die meisten dem Buddhismus gegenüber sehr freundlich eingestellt.“

 

„Freundlich“ ist dabei das Stichwort. Das sind die drei, wie sie im Pausenhof der Pfaffenhofener Schule sitzen und geduldig Fragen beantworten. Wieder ein Klischee vom immer lächelnden Mönch? Wohl eher gelebte Realität, denn vieles drehe sich dabei um das Motiv Glück, erklären sie. „Glücklich sein ist gerade hier im Westen ein so großes Thema. Man führt so ein zielgerichtetes Leben. Ausbildung, Arbeit, Freizeit. Man setzt sich selbst die ganze Zeit unter Stress. Dabei muss man Glücklichsein eigentlich nur passieren lassen“, erklärt Shi Dao An. Ein abstrakter Gedanke, der aber nicht von ungefähr kommt.

 

Von Hamburg nach China in die Hallertau

 

 

So eine bewusste Entscheidung traf er mit gerade einmal 22 Jahren. Er verließ sein Hamburger Elternhaus, schloss sich in China einem Xiaolin-Tempel an, erhielt dort auch die Mönchsweihe und seinen Namen. Der bedeutet „den Weg des Chan Buddhismus geduldig weitergebend“ – eine Aufgabe die Shi Dao An ernst nimmt. Erst gründete er 2011 in Pfaffenhofen eine Kung-Fu Trainingsgruppe, aus der erwuchs dann ein paar Jahre später der Tempel. Der ist momentan nur ein kleiner Raum, der auch als Büro dient, das spielt für Shi Dao An aber keine Rolle. Der buddhistische Tempel ist für ihn eine Lebenseinstellung.

 

So wie der Christ sonntags in die Kirche geht, haben auch die drei Pfaffenhofener Mönche ihre festen Rituale. Wie ihr Alltag aussieht? „Das beginnt schon mit den kleinsten Kleinigkeiten, wie den Denkstrukturen. Die sollte man so verändern, dass man sich selbst glücklich macht und damit das Potenzial schafft, andere glücklich zu machen“, erklärt Shi Quing Lao. Jeden Tag meditiert er, spricht Kontemplationen vor dem Essen, übt sich im Kung-Fu. Mit 19 Jahren ist er bereits seit 11 Jahren bekennender Buddhist, und das obwohl seine Eltern dies nicht sind. Im letzten Jahr schloss er sein Abitur ab, nun will er erst mal auf Reisen gehen.


„Sei zu jedem Zeitpunkt die beste Version deiner selbst.“

 

 

Dass er ständig an sich arbeitet spiegelt sich auch in seiner Trainings-Ethik wieder. Shi Dao An überlässt beim Kung Fu seinem jungen Schüler das Aufwärmen, und dieser geht mit beeindruckendem Beispiel voran. Hoch springt er in die Luft, noch weiter streckt er sein Bein, noch geschmeidiger soll seine Bewegung werden. So viel er seinem Körper dabei abverlangt, so hoch sind auch die Ansprüche an seinen Geist. Nicht über andere zu schimpfen, schlecht zu reden oder zu denken. Diese kleinen, gemeinen Gewohnheiten will er unterlassen: ein Ansatz, der ein inspirierendes Echo hinterlässt.

 

Ganz einfach ist das freilich nicht immer. Wie viel leichter ist es, anderen die Schuld an der eigenen Misere zu geben, oder sogar einer übergeordneten Macht? Auch deswegen nimmt der Chan-Buddhismus, so wie ihn die drei Mönche betreiben, Abstand von metaphysischen und esoterischen Konzepten. „Wir haben keinen direkten Beweis für die Existenz eines Gottes. Unser Hauptziel ist es, sich mit unserem jetzigen Leben zu beschäftigen – Geisterwesen und Gottheiten gehören da nicht dazu, sie lenken nur ab vom Hier und Jetzt. Auch Buddha war keine Gottheit, sondern ein Lehrmeister. Er hat den Weg für uns entdeckt und zeigt uns, wie wir ihn gehen können“, erklärt Shi Dao An.

 


Das Mönchs-Dasein im 21.Jahrhundert

Keine Extreme – ein Leben abseits der Zivilisation und in totaler Einsamkeit kam für Shi Dao An nicht in Frage. Einen Mittelweg zwischen Askese und Hedonismus, zwischen absolutem Leid und absoluter Freude will er aber schon finden. Trotzdem sollte der Tempel in das Leben der Menschen passen. Gerade für den 16-jährigen Novizen Shi Xiao Gang ist dieser kulturelle Spagat nicht ganz einfach. Die Eltern des Realschülers stammen aus dem Iran, er selbst ist in einer traditionellen islamischen Religion aufgewachsen. „Meine nähere Familie war meiner Entscheidung gegenüber sehr offen, sie sind selbst nicht streng gläubig.“, erklärt er. „Meiner Familie im Iran würde ich es nicht unbedingt anvertrauen. Die Menschen dort haben einfach überhaupt keine Erfahrung mit anderen Religionen.“

 

Andere Religionen sind daher auch den Mönchen nicht fremd – eher im Gegenteil. „Als Kind war ich Ministrant“, lacht Shi Dao An. Je mehr er sich aber mit dem auseinandersetzte, was die Weltreligionen zu bieten hatten, desto deutlicher wurde ihm sein Weg. Diesen Prozess würde er sich auch für andere Menschen wünschen. „Hierzulande ist es doch oft so, dass die Eltern entscheiden, was man zu glauben hat. Ich fände es schön, wenn man beispielsweise Kindern von Anfang an die Freiheit lässt, die Religionen selbst kennenzulernen.“


 

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