Obst von Amazon, Brot von Google?

Obst von Amazon, Brot von Google?

Wolnzach

Wolnzach, 12.01.2018 (ls).

Von der Hand in den Mund: Wer hat bei unserem Abendessen eigentlich die Finger im Spiel?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Supermarkt und kaufen einen Apfel. Oder eine Packung Nudeln. Wissen Sie, wer bei der Herstellung seine Finger im Spiel hatte? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie viel Technologie in Ihrem Obst oder Ihrer Beilage steckt? Die Besucher des diesjährigen Landwirtschaftsforums der Hallertauer Volksbank werden sich über diese Fragen in Zukunft bestimmt einige Gedanken machen. Denn der Hauptredner und BayWa-Vorstandsvorsitzender Prof. Klaus Josef Lutz machte in seinem Vortrag eine Sache sehr deutlich: Selbst der kleinste Landwirt ist Teil eines globalen Systems, das schon lange in der digitalisierten Landwirtschaft 4.0 angekommen ist.

Und das hat Auswirkungen auf den Weg unserer Nahrung. Noch vor ein paar Jahren war die Produktkette linear: Der Hersteller produzierte, der Großhandel kumulierte, der Einzelhandel verteilte und der Käufer konsumierte. Als Konsument hinkt man mit dieser Illusion der Realität hinterher, wie Lutz betonte. „Sowohl die Produzenten als auch Einzelhandel und Großhandel haben mittlerweile ihre eigenen Kanäle und Distributionswege zum Konsumenten“, erklärte er. Einzelhändler wie Rewe und Aldi haben autarke Verträge und eigene Auflagen bei den Produzenten. Für Unternehmen wie die BayWa, deren Geschäft sich zu großen Teilen auf den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln stützt, wird die Luft im Lebensmittelhandel dementsprechend dünner. Grund genug, dem Landwirt neue Systeme anzubieten und einen weiteren Schritt in das sowohl gefürchtete als auch gepriesene Feld der Digitalisierung zu wagen. Aber wie?

Vorstellung und Realität – wer sorgt eigentlich für unser Essen auf dem Tisch?

Diese banale Frage ist zunächst sehr einfach zu beantworten. Natürlich ist es der Bauer, der sät und erntet. Die Frage, zu welchem Preis wir die „Früchte seiner täglichen Arbeit“ erstehen, ist wiederum wesentlich komplexer. „Die betriebswirtschaftlichen Grundannahmen zu Angebot und Nachfrage greifen in der Preisbildung unserer Lebensmittel schon lange nicht mehr“, so die These des BayWa-Experten. Aktuellen Prognosen zufolge müssen im Jahr 2050 wahrscheinlich 10 Milliarden Menschen ernährt werden, und das bei schrumpfenden Ackerflächen, gewaltigem Ackerfraß und katastrophalen Umweltauswirkungen von Monokulturen. „Das Ganze ist ein riesiges Geschäft, und ob man will oder nicht – am Ende ist jeder Landwirt Teil der globalen Wertschöpfungskette“, machte Lutz deutlich. Und deren Preise entstehen in der Rohstoffbörse in Chicago, wo Hedgefonds und Spekulanten auf Nahrungsmitteln wetten und damit nicht nur horrende Gewinne einfahren sondern am Ende auch Einfluss auf Produzent, Händler und Konsument haben. „1990 wurde das Weltsojavolumen von Soja circa 12 mal an der Börse gehandelt. 2017 hat sich diese Zahl mit 27 mal mehr als verdoppelt“, erklärte Lutz in diesem Zusammenhang. Das bläht Preise auf und lässt sie im nächsten Moment wieder schrumpfen – und Soja ist da kein Einzelfall.

Andreas Streb (Vorstand der Hallertauer Volksbank, oben links), Professor Klaus Josef Lutz (Vorstandsvorsitzender der BayWa, oben rechts) und Robert Högl (Firmenkundenbetreuer und Experte für Agrarwirtschaft, unten links) klärten ihr vollbesetztes Auditorium beim diesjährigen Landwirtschaftsforum im Deutschen Hopfenmuseum über die Tücken der Digitalisierung auf.

Neue Player an der Tagesordnung

Money attracks power – lauschte man Professor Lutz Vortrag, wurde diese fast schon universelle Wahrheit präsenter denn je. 1950 ernährte ein Landwirt 10 Menschen. Im Jahr 2018 produzierte der selbe Landwirt die Nahrung für 145 Menschen. Diese Leistungs- und Produktivitätssteigerung war unter anderem nur durch die Digitalisierung möglich, und auch die wird sich in den kommenden Jahren weiter entwickeln. „Dieser Fortschritt wird exponentiell sein. Das heißt, Rechnerleistungen können sich innerhalb von zwei Jahren verdoppeln“, machte auch Andreas Streb, Vorstand der Hallertauer Volksbank, deutlich. Bei solch rasanten Entwicklungen ist es schon fast nicht mehr verwunderlich, welche schon in sämtlichen Bereichen dominierende Namen sich nun auch im Agrarhandel positionieren. Google, Amazon, Ikea – diese globalen Player investieren massiv in die Digitalisierung unserer Nahrungsmittelproduktion und -distribution.

„Alexa, muss ich morgen meinen Hopfen düngen?“

Zugegeben, dass man die Planung des landwirtschaftlichen Betriebes mit Amazons Alexa bewältigen könnte, klingt etwas absurd. Wie Streb jedoch betonte, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Zukunft so aussehen könnte. Ernteroboter, sprachgesteuerte Assistenzsysteme und von Drohnen überwachte Felder – all das mag vielleicht wirken, als stammte es aus der Feder von ambitionierten Science Fiction Autoren. Weit weg ist es dennoch nicht. Streb und Lutz warnten jedoch davor, deswegen in blinden Aktionismus oder Panik zu verfallen. „Digitalisierung erfordert eine Strategie“, machte der Vorstand der Hallertauer Volksbank klar. „Machen sie nicht Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Unternehmer brauchen ein Zielbild und müssen sich mit den Strukturen und Prozessen ihres Betriebs auseinandersetzen“, riet er seinem Publikum weiter. Am Ende investiert man sonst an den falschen Stellen. Und dann wird die Digitalisierung nicht zum Wachstumsfaktor auf einem weltweiten Markt sondern zur Sackgasse.

 

 

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